August Borsig und sein Lebenswerk
Aus: Berlins Aufstieg zur Weltstadt (1939)
Benutzen wir die große Berliner Ausfallstraße, die vom Zentrum der Hauptstadt durch die Chaussee- und Müllerstraße allsonntäglich viele Berliner in die schönen Gegenden unserer märkischen Heimat entführt, so wird dem aufmerksamen Ausflügler im Straßenbild des öfteren der Name Borsig begegnen. In der Chausseestraße leuchtet uns von der Vorderseite eines großen Geschäftshauses der Name A. Borsig entgegen. Vor Tegel durchschneidet die Landstraße den Ortsteil Borsigwalde. In der Berliner Straße in Tegel führt unser Weg an riesigen Werkhallen und Bürohäusern vorbei, die an ihrer Stirnseite ebenfalls den Namen Borsig tragen. Noch im Grün der Tegeler Forst, zwischen Schulzendorf und Bahnhof Heiligensee, lagert sich zur rechten Seite der Chaussee die neuerstandene "Borsigsiedlung". Seit 1935 ist durch die "Borsig-LokomotivenWerke" auch in Hennigsdorf der Name dieses großen Unternehmers vertreten. Welche Bewandnis mag es mit dem Träger dieses Namens haben, der in der Welt, genau so wie in unserer engeren Heimat bekannt ist? Mit dem Namen August Borsig ist das Werden der ältesten deutschen Lokomotivfabrik verknüpft. Aus kleinsten Anfängen ist durch unermüdlichen Fleiß und zähe Ausdauer von mehreren Geschlechtern ein Unternehmen erwachsen, das seine Lokomotiven über die ganze Welt verschickt.
1937 sind gerade hundert Jahre vergangen, dass die Firma Borsig als kleines Maschinenbauunternehmen in der Chausseestraße in Berlin ihren bescheidenen Anfang nahm. August Borsig hatte als einfacher Arbeiter vor dem Schmelztiegel und dem Schraubstock seine Kenntnisse in der Eisengießerei und dem Maschinenbau erworben. Sein Fleiß und seine Fähigkeiten hatten ihn auf seiner Arbeitsstelle vorwärtsgebracht. Darauf hatte er den ersten großen Schritt gewagt. Von der kleinen Maschinenfabrik am Rande Berlins leuchtete zum ersten Male der Name des jungen Besitzers: August Borsig. Das Gründungsjahr der Fabrik fällt fast mit dem Ereignis zusammen, das dem Lebenswerk des jungen Maschinenbauers eine bestimmte Richtung weisen sollte. 1835 wurde in Deutschland die erste Eisenbahnlinie eröffnet. Die Lokomotive war eine englische Erfindung. Aus England hatte man darum auch die Maschinen gekauft, die in Deutschland benötigt wurden; mit englischen Lokomotivführern hatte man sie auf die Reise geschickt. "Deutschland kann seine Lokomotiven selbst bauen," dachte Borsig und ging mit Fleiß daran, seine erste Maschine zu entwerfen. Schon nach einem Jahre war das Wagnis geglückt. Mit großen Opfern an Geld und Ausdauer war in rastloser Arbeit und nach vielen Versuchen das Werk gelungen. Die erste Borsigsche Lokomotive verließ die kleine Fabrik; die erste betriebsfähige deutsche Lokomotive war entstanden. Aber Borsig sollte sich seiner großen Erfindung noch nicht freuen können. Hatte man noch kein Vertrauen zu der deutschen Lokomotive? Die Eisenbahngesellschaft lehnte den Ankauf der Lokomotive ab. Erst als man 1848 die Berlin-Anhaltische Eisenbahn baute, wurde sie der neuen Gesellschaft in Probefahrten vorgeführt - und angekauft. Borsigs Fleiß und Ausdauer, sein ungebrochener Mut und der feste Glaube an sein Werk hatten den ersten sichtbaren Erfolg davongetragen. Die Anerkennung, die seine Arbeit gefunden hatte, spornte seinen Fleiß nur noch mehr an. Die Borsigschen Lokomotiven wurden ständig verbessert. Die Aufträge häuften sich; das Werk wuchs und damit das Ansehen des Mannes, der sich in allem Erfolg doch immer seine Einfachheit und Bescheidenheit bewahrt hatte.
Als im März 1854 ein jäher Tod den gerade 50-Jährigen aus seinem arbeitsreichen Leben abrief, hatte bereits die 500. Lokomotive die Werkanlagen verlassen und ihren Weg in die weite Welt angetreten. Mit August Borsig war ein großer Deutscher gegangen, der aus einfachsten Anfängen den Grundstein zu einem der größten deutschen Industriewerke gelegt hatte.
Das stolze Werk wurde von seinem Sohn weitergeführt. Er war der würdige Nachfolger seines Vaters. Albert Borsig gelang es, die Werke in der ganzen Welt bekannt zu machen, so dass in kurzer Zeit mehr als die Hälfte aller von ihm gebauten Lokomotiven ins Ausland ging. Bei seinem Tod im Jahre 1878 waren fast 4000 lokomotiven geliefert. War mit seinem Tod die große Entwicklung abgebrochen? Die dritte Generation, des Gründers Enkelsöhne, übernahm die Leitung des Werkes. Mit jedem neuen Glied der Familie schien neue Lebenskraft dem Werk zuzufließen. Durch die Verlegung der Gesamtwerke nach Tegel trat ein neuer großer Aufschwung ein. 1930 konnte die 14 000. Lokomotive aus den Tegeler Werken dem Verkehr übergeben werden.
Drei Geschlechter hatten in unermüdlichem Eifer Aufbauarbeit in diesem stolzen Unternehmen geleistet. Der furchtbare Niedergang, den unser Vaterland nach dem Kriege erleben musste, und der wirtschaftliche Zusammenbruch Deutschlands haben auch das Lebenswerk der Familie Borsig zum Erliegen gebracht. Die Borsigschen Lokomotivfabriken wurden 1931 mit den Lokomotivabteilungen der AEG vereinigt und in die ehemaligen Lokomotivwerkstätten nach Hennigsdorf verlegt. Damit hat ein stolzes Unternehmen mit Weltruf auf Hennigsdorfer Boden seine Wiedergeburt erlebt. Mit dem Namen Borsig hat sich der Name unseres Heimatortes verbunden. Borsig baut wieder die schwersten und schnellsten Lokomotiven. Mit 200 km Stundengeschwindigkeit brausen sie als moderne Stromlinienlokomotiven dahin und führen den Namen eines großen deutschen Mannes und seines Heimatortes über den Schienenweg in die weite Welt.
geschrieben von Postmaxe
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