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Geschäfte in Hülle und Fülle

Die Entwicklung Tegels vom Dorf zum heutigen Stadtteil begann etwa ab 1895. Mehrstöckige Wohnhäuser mit kleinen Läden wurden gebaut. Viele Geschäfte entstanden um die Jahrhundertwende von jungen, mutigen Leuten, die es wagten, sich selbständig zu machen. Hier lagen die Wurzeln für die späteren Familienbetriebe, die über Generationen das Bild von Tegel prägten. Wie rasant der Aufstieg war, läßt sich an der Anzahl der Geschäfte und Dienstleister erkennen, die 1913 in Tegel ihren Sitz hatten. Tegel zählte zu diesem Zeitpunkt 20.300 Einwohner. Es gab 2 Apotheken, 17 Bäcker, 6 Barbiere, 2 Cafes, 3 Kristall-Eishandlungen, 11 Fleischer, 11 Friseure, 9 Fuhrgeschäfte, 59! Gastwirtschaften, 9 Grünkramhandlungen, 4 Hebammen, 6 Molkereien, 7 Plättanstalten, 5 Posamentierwarenhandlungen, 4 Schmieden, 17 Schneider und 14 Schneiderinnen, 21 Schuhmacher, 4 Schuhgeschäfte, 6 Seifen- und Lichtgeschäfte (davon hatten drei ihr Geschäft in der Schlieperstraße), 2 Kaufhäuser, 1 Weinhandlung, 25 Tabakwarengeschäfte. Diese Liste ist allerdings unvollständig.

Milchgeschäft RuttkeTegel war bald Einkaufszentrum für die umliegenden Ortschaften. Wenn es damals auch "Tante Emma Läden" waren, so zeigten bald Filialbetriebe aus Berlin Interesse, den Sprung nach Tegel zu wagen. 1928 war es "Epa" mit seinen Einheitspreisen, der nach Tegel kam. Doch von den alten Geschäften sind nur Erinnerungen geblieben. Heute wird das Bild von Filialunternehmen geprägt. Alte Tegeler Bürgerinnen und Bürger erinnern sich noch an die Geschäfte, in denen man auch einmal anschreiben lassen konnte. Schlächter Thiel war von 1911 bis 1994 in Tegel, zuerst auf dem Markt, dann kam der erste Laden in der Gorkistraße, den er 1930 und 1938 vergrößerte und an den Sohn weitergab. Zuletzt wurde er von dem Enkelsohn des Gründers geführt. Das Eisenwarengeschäft Nörenberg in der Berliner Straße 94 war auch ein 2-Generationen Laden. Damals kaufte man noch 5 Schrauben oder eine Tüte Nägel. Es kam vor, dass an der Tür ein Schild: "Muss zur Entbindung, komme gleich wieder" hing. Weil die Tochter eine ausgebildete Hebamme war, musste sie manchmal den Laden schließen. Aber kein Kunde blieb deshalb dem Geschäft fern.

Die Entwicklung dieses Ladens vom Eisenwarengeschäft, zu Garten- und Haushaltsgeräten oder Heimwerkerartikeln zeigt, wie der Ort Tegel wuchs. Das Geschäft wurde im September 1989 geschlossen. Die Drogerie Farchmin wurde 1896 gegründet und zog 1903 in die größeren Geschäftsräume in der Berliner Straße 93. Nach einem Bombenschaden mußte sie schließen, konnte aber 1944 mit der erhaltenen historischen Inneneinrichtung wieder eröffnen. In dunklen Holzschränken, die bis zur Decke reichten, befanden sich unzählige Schübe für all die Artikel, die damals noch lose zu haben waren. Seit Dezember 1989 besteht das Geschäft nicht mehr. Der Möbeltischler und Beerdigungsunternehmer Hoche kam aus Hennigsdorf nach Tegel in die Berliner Straße Ecke Veitstraße. Später zog er in die Schlieperstraße 17, wo er Lagerräume und Werkstatt hatte. Nach dem Tod des Firmengründers 1941 übernahm seine Witwe das Unternehmen. Heute führt seine Enkelin das Bestattungsunternehmen der Firma Hoche. 1876 erhielt der Apotheker Eduard Heinrich Adalbert Lehmann die Erlaubnis zur Errichtung einer Apotheke in Tegel. In der Schloßstraße 11 begann die Geschichte der Adler-Apotheke. Von dort zog die Apotheke 1891 in die Schloßstraße 2. Doch das kleine Bauernhaus wurde für Siegfried Schäfer, der seit 1893 der Besitzer war, zu klein. So verlegte er 1905 die Apotheke an den heutigen Standort in der Berliner Straße 91. Die Apotheke versorgte aber nicht nur Tegel. In den umliegenden Dörfern gab es Briefkästen für Rezepte. Diese wurden zweimal täglich geleert und die verordneten Medikamente durch Boten geliefert.

Vom Bauernhaus zum Kaufhaus -
Aus der Geschichte der Berliner Straße 100

SchlieperstraßeWenige Stufen führten zu dem alten Bauernhaus hinauf, vor dem an schönen Sommertagen die Seniorin der Familie, der das Anwesen gehörte, auf einer rohgezimmerten Bank saß und auf das damals schon lebhafte Treiben in der Berliner Straße herab sah. Hohe Angebote hatten ihr Geschäftsleute schon gemacht, die dieses kostbare Grundstück - es erstreckte sich bis zur August-Müller-Straße 6 (heute: Gorkistraße) erwerben wollten. Doch sie widerstand allen Verlockungen. Sie wollte in dem Haus, das ihr Geburtshaus war, sterben. So blieb alles beim alten, und bis zu ihrem Tode blühten in dem lang gestreckten Garten in jedem Frühjahr die Fliederbüsche. Erst dann wurde es abgerissen. 1929 erwarb die Firma Rudolf Karstadt das Grundstück und begann mit dem Bau eines Kaufhauses. Am 30. Juli 1930 eröffnete man das Haus unter dem Namen "EPA" (Einheitspreisgeschäft). Acht Jahre später wurde das Kaufhaus in KEPA umbenannt.

In der Folgezeit wurde fast ständig, nur durch den Krieg unterbrochen, umgebaut, erweitert, angebaut und abgerissen. Die danebenliegenden Grundstücke Gorkistraße 6 und 11 wurden erworben und schließlich Abrißanträge für die Grundstücke Berliner Straße 100 und Gorkistraße 2, 4, 6 und 8 gestellt. Im Januar 1972 war der Abriß beendet und das heutige Gebäude entstand. 1978 wurde die KEPA-Kaufhaus GmbH in die Rudolf Karstadt AG integriert. Aber auch danach wurde abgerissen, umgebaut und erweitert.

Die Veitstraße

"Um 1912 bezogen meine Eltern eine Wohnung in der Veitstraße 28, Hinterhaus 2 Treppen, da mein Vater bei der Firma A. Borsig 15 Jahre tätig war. Zu diesem Haus gehörte ein großer Garten des Hauswirts. Von unserem Haus bis zur Nr. 38 war sonst freies Feld, auf welchem die Firma Borsig riesige Werkstätten baute, die den Namen "Kleinbau" erhielten und im letzten Krieg stark zerstört wurden.

Gemischtwarenladen H. LoewaIm Haus Nr. 39 befand sich ein Lebensmittelgeschäft und an der Ecke Berliner Straße war die Kneipe "Zum Ersten Ehestandsschoppen"; denn gegenüber war das Rathaus mit dem Standesamt, Gewerbegericht, Amtsgefängnis, Polizeiwache u.a. Die weiteren Häuser von der Berliner Straße bis zur Buddestraße standen schon. Veitstraße Nr. 5 war ein Obstgarten, der zum Rathaus gehörte, in welchem die Kinder des Bürgermeisters spielten. Oft war ich selbst darin Gast. Neben dem kleinen Rathaus war das neuerbaute Rathaus. Vom Rathaus aus in Richtung See standen noch Geräteschuppen und der Pferdestall für die Pferde der Gemeinde, Sprengwagen und Feuerwehr. Anschließend war bis zur Treskowstraße ein leerer Platz. Von dort wurden von der "Alten Leipziger-Versicherungsgesellschaft" die Häuser Nr. 7 bis 10 a in den Jahren 1913-1916 gebaut. Das waren für uns Kinder herrliche Zeiten in den Neubauten zu spielen.


Das Haus Nr. 11 stand schon und reichte bis Ecke Schöneberger Straße (Schöneberg war ein Direktor der Gasag). Nach Nr. 11 und 12 folgten wieder Gärten, welche dem Fuhrbesitzer Veit gehörten. Am Ende der Veitstraße stand die Villa der Familie Reinhold. Gegenüber hat die Familie Konrad Borsig gewohnt. Zum Haus gehörte ein großer Garten. Am Ende (Nr.21 und 22), Ecke Schöneberger Str. (heute Medebacher Weg) stand das Haus eines Direktors Scharlippe. Vom letzten Teil des Borsig-Gartens bis zum Scharlippe-Haus wurden 1938 kurz vor Beginn des 2. Weltkrieges große Hallen gebaut (Zylinderbau). In Nr. 25 wohnte u.a. der amtliche Bahn-Spediteur Beetz mit seiner Familie, der die Pferdeställe im Hof untergebracht hatte, Nr. 26 war eine Wäscherei und in dem 1906 gebauten Haus Veitstraße 27 befand sich ab 1913 das Milchgeschäft von Ruttke."

Quelle: Tegel - Beiträge zur Großstadtwerdung eines Dorfes
Förderkreis für Bildung, Kultur und
internationale Beziehungen Reinickendorf e.V.

 

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