Von den Anfängen der Kinematographie im heutigen Bezirk Reinickendorf
Sie hießen Stadtrand und Capitol (Frohnau), Fortuna (Lübars), Palast (Hermsdorf), Hubertus (Waidmannslust), Roxy (Wittenau), Capitol und Seeschloß (Heiligensee), Filmtheater (Tegelort), Kurmark (Borsigwalde), Filmpalast und Kosmos (Tegel) sowie Viktoria, Rex, Camera, Beba, Residenz , Kleines Filmtheater und Astoria (Reinickendorf). Ihre Aufzählung (mit verkürzten Bezeichnungen) ist gleichbedeutend mit der gesamten Kinowelt des Jahres 1951 im Norden Berlins. Zehn Jahre später nannte "Der NordBerliner" unter der Rubrik "Was spielt Ihr Kino?" noch 13 Kinos im Bezirk Reinickendorf, u. a. auch das Teli (Tegeler Lichtspiele). Programmwechsel war zu dieser Zeit stets freitags und dienstags. Vorstellungen begannen zumeist um 18.00 und 20.15 Uhr, Nachtvorstellungen an den Sonnabenden um 22.30 oder 22.45 Uhr. Sonntags wurden zudem Matineen und Jugendvorstellungen mit unterschiedlichem Beginn ab 13.30 Uhr angeboten.
Der eine oder andere Kinoname weckt sicher Erinnerungen an die eigene Kindheits- und Jugendzeit. Wie beliebt waren doch um 1951 bei den kleinen Kinobesuchern neben den Märchenfilmen die von Bambi und Pinoccio! Lagen dann noch die schönen Bilderbücher zu diesen Filmen auf dem weihnachtlichen Gabentisch, schlug das Kinderherz mit Sicherheit höher. 3 Musketiere - Eine Stadt hält den Atem an - Bitterer Reis - so lauteten z. B. Filmtitel für die erwachsenen Besucher. Bei den Filmvorführungen traten gelegentlich Störungen auf, die von Zwischenrufen und "Wurfgeschossen" der Kinobesucher, Unterbrechungen wegen eines gerissenen Filmes bis zu Tonstörungen durch schlechte Filmkopien reichten.
Werbung im Kino erfolgte in der Weise, dass Diapositive (Dias) vertont vorgeführt wurden. In dieser Form machte der in der Nähe des Kinos gelegene Geschäftsmann auf seinen Verkaufsladen aufmerksam. Hierzu wurden neben Fotos auch von Grafikern entworfenen Zeichnungen gezeigt, die dann als großformatige S/W-Dias nachträglich coloriert wurden. Als das Fernsehen, zunächst auch gern als "Pantoffelkino" bezeichnet, seinen Siegeszug antrat, führte dies nach und nach dazu, dass die Kinos schließen mussten. Keines der eingangs erwähnten Lichtspieltheater gibt es heute noch.
Doch wie fing alles an? Hierzu ist ein Rückblick in das ausgehende 19. Jahrhundert erforderlich. 1891/92 erfand Dickson, Chefingenieur bei Edison, einen Filmbetrachter, den er Kinetoscope nannte. Ein Kinetograph, ebenfalls von Dickson entwickelt, diente der Aufzeichnung von Filmen. Am 14.4.1894 erfolgte eine erste Präsentation in New York. Eine Ausstattung des Kinetoscopes mit einem Phonographen ermöglichte gar die Abspielung von Lauten (z. B. Gesang) zu den sich bewegenden Bildern (vgl. Wikipedia). Am 1.11 .1895 führten die Filmpioniere Max und Emil Sladanowsky im Berliner Variete Wintergarten ihre ersten "lebenden" Bilder vor. Es waren Jahrmarktattraktionen und Straßenszenen. In Hannover zahlten 1896 Besucher des Cinematographe Lumiere Theaters 20 Pfennig Eintritt für eine Filmvorführung. Gezeigt wurden mehrere kurze Streifen mit Straßenszenen, die Zuschauer teilweise vor Erschrecken und Entsetzen aufspringen ließen.
Die Weiterentwicklung der Kinematographie machte auch in Berlin schnelle Fortschritte. Mehrere Firmen hatten sich auf die Herstellung entsprechende Geräte spezialisiert. Beispielhaft wird hierzu auf die Anzeige der Internationalen Kinematographen- Gesellschaft aus dem Jahre 1905 verwiesen. 1908 hatte allein die Firma AIfred Duskes aus der Friedrichstr. 207 in Berlin über 50 Kinematographen- Theater eingerichtet (Spezialität: Lebende, sprechende, singende, musizierende Photographien) . In den vor den Toren Berlins gelegenen Ortschaften setzten sich Kinos als feste Einrichtungen zwar erst um 1910 durch, doch wurden hier auch zuvor schon Aufführungen in Gaststätten usw. angeboten. Eine frühe Kinetographen-Vorstellung ist aus Hermsdorf/Mark überliefert. Sie fand am 17.1.1897 im Kurhaus Hohenzollernbad statt, das ja erst kurz zuvor (am 1.7.1896) als Kneipp-Einrichtung eröffnet hatte. Für die Veranstaltung wurde am Vortag im Täglichen Anzeiger für die Gemeinde Hermsdorf (Neue Vorort-Zeitung) geworben. Offenbar waren Titel wie "Die Künstlerin im Bade" bewusst gewählt, um neugierige Zuschauer anzulocken. Doch alle Beiträge waren jugendfrei, Kinder zahlten 25 Pf. Eintritt.
Schmunzeln mag man heute über den Hinweis "Phonographisches Concert für alle Besucher zugleich hörbar, ohne Schläuche". Offenbar war das zu dieser Zeit noch nicht selbstverständlich. Dass Sitte und Moral gewährleistet wurde, darauf achtete schon die Polizei. Viel später, am 28.7.1912, lesen wir hierzu im Generalanzeiger (Reinickendorf): Am 28.6.1910 veranstaltete die Freie Fleischer-Innung zu Reinickendorf anlässlich ihrer Bannerweihe einen großen Festumzug durch die Straßen des Ortes. Solche Veranstaltungen boten "reisenden" Kinos eine gute Gelegenheit, Filmaufnahmen zu erstellen, die in ein weiteres Filmprogramm eingebunden wurden. Eine Woche später verwandelte sich dann Kuhrmanns Restaurant Gesellschaftsgarten in der Hauptstr. (Alt-Reinickendorf) in ein Kino. Wer wollte da die "hervorragenden eigenen Originalaufnahmen" des Berliner Reform-Kinos verpassen? Immerhin bestand ja die Hoffnung, sich selbst auf Zelluloid gebannt als Aktiver oder als Zuschauer am Straßenrand zu entdecken.
Seit 1910/11 gab es in Reinickendorf erstmals einen Raum mit 100 Sitz- und 30 Stehplätzen (!), in dem kinematographische Vorstellungen gezeigt wurden. Es war Paul Teichert, der in der Nordbahnstr. 30 entsprechende Vorführungen anbot. Die Einrichtung schloss aber wieder, vermutlich war dies im ersten Halbjahr 1913. Im gleichen Jahr gab es dann in der Holländerstr. eine Lichtbildbühne. Nähere Angaben hierzu (Haus-Nr. und Name des Betreibers) sind bisher nicht bekannt. Überliefert ist auch, dass 1913 Aurel Zacharias in der Birkenstr 63/64 Ecke Eichbornstr. 34/34 a (heute wäre dies Kienhorststr. E. Eichborndamm) ein Kino betrieb, welches aber schon im Folgejahr wohl nicht mehr bestand. Es sollte erst 1919 wieder aufleben.
In den Jahren 1914-1917 gab es offenbar keine festen Kino-Einrichtungen in Reinickendorf. Eine Erklärung hierfür könnte der in dieser Zeit herrschende Krieg gewesen sein. 1918 richtete dann Paul Krause in der Auguste-Viktoria-Allee 40 Ecke Eichbornstr. 18/19 (heute wäre dies Eichborndamm 38) die Eichborn-Lichtspiele mit 136 Plätzen sowie einigen Logenplätzen ein. Ein Jahr später, 1919, eröffnete Paul Koenig in der Residenzstr. 124 die Linden-Lichtspiele mit 175 Plätzen (zuletzt Beba genannt). Zudem gab es in der Gesellschaftstr. 30 im gleichen Jahr ein von Adolf Zahr betriebenes Kino, welches aber 1920 schon nicht mehr vorhanden war. 1919 ließ auch Gustav Dyhr in der Birkenstr 63/64 Ecke Eichbornstr. 34/34 a (siehe oben) ein Kino einbauen. Die Einrichtung, von Franz Jahn betrieben, kennen wir bereits aus dem Jahre 1913. Damit der Neugründungen nicht genug! Ab 1919/20 konnten Kinobesucher auch zu Bernhard Kuhl (Schönholzer Weg 30, heutige Klemkestr.) gehen. Die Einrichtung führte ab 1926 Lina Kuhl, geb. Kölling. 1928 schloss das Kino. Wohl ab 1922 gab es dann auch in der Provinzstr. 75/76 die Universum-Lichtspiele, für die zunächst Georg Kusche zuständig war.
In den Jahren 1928-1930 löste der Tonfilm den Stummfilm ab, der ja auch bisher gar nicht so stumm war. Kinos wie der ALA-Palast warben dann z. B. für den Film "Es kommt alle Tage vor ..." mit Walter Rilla mit folgendem Hinweis: "Stummes Filmprogramm mit vollem Orchester." Im Laufe der Jahre entstanden weitere Kinos in Reinickendorf, so 1926 in der Scharnweberstr. 101-104 das Astoria, 1927 in der Hauptstr. 51 (Alt-Reinickendorfl die Rex-Lichtspiele, um 1929 in der Scharnweberstr. 67-68 der bereits erwähnte ALA-Palast, 1930 in der Residenzstr. 142 das Residenz-Kino sowie 1937 in der Scharnweberstr. 33 das Capitol.
Da die Kinos zum Teil ihre Namen wechselten, wurden hier nur die zuletzt zutreffenden Bezeichnungen angegeben. Blicken wir nun nach Tegel. Die Kinematographie nahm hier eine durchaus mit Reinickendorf vergleichbare Entwicklung. Wer bis 1912 ein Lichtspielhaus besuchen wollte, der fuhr am besten mit der Straßenbahn zur Müllerstr. Bei Kretschmer, Togostr. 76, bei Grund, Brüsseler Str. 1 oder im Cinema, Müllerstr. 182/183 fanden sich entsprechende Einrichtungen. 1912/13 richtete dann allerdings Nicolaus Grünewald in der Tegeler Schlieperstr. 16 ein Kinematographen-Theater ein. Grünewald betrieb bislang im Nebenhaus (Nr. 15) eine Papier-, Schreib- und Zeichenmaterialhandlung. Das Kino führte Grünwald wohl bis 1917, während die Papierhandlung nebenan weiterhin den Tegeler Kunden zur Verfügung stand. 1915/16 eröffnete dann Martha Zierke in der Veitstr. 10, I. Aufgang, ein für Tegel zweites Lichtspielhaus. Vor der Schließung im Jahre 1919 war Moritz Aronsheim der Besitzer dieses Kinos. 1916 oder 1917 kam es in Tegel gar zu einer dritten Neugründung eines Kinos. Luise Joschek war fortan Kinopächterin in der Hauptstr. 3 (heutige Straße Alt-Tegel).
Ab 1920 in Adressbüchern als Kino-Besitzerin bezeichnet, lassen sich auf diese Weise Spuren eines Kinos zumindest bis 1923 belegen. 1928 ist dann in der Hauptstr. 3 Fritz Joschek als Kinobesitzer verzeichnet. Es ist gut denkbar, dass das Kino durchgehend von 1916/17 bis zumindest 1932 hier bestand. Der Name des Kinos lautete zuletzt Union-Lichtspieltheater bzw. Union-Theater Tegel. Als Wochenschau wurde hier die Emelka-Tonwoche der gleichnamigen Berliner Firma gezeigt. In anderen Kinos kann es auch in der Zeit von 1930-34 die Ufa- oder Deulig-Tonwoche, Fox Tönende Wochenschau oder die Tobis-Wochenschau gewesen sein. Während des ersten Weltkrieges gab es mithin in Tegel - im Gegensatz zu Reinickendorf - drei eindeutig nachgewiesene Kinos. Vielleicht lag das daran, dass in Tegel große Ausflugslokale in Lazarette umgewandelt wurden und sich dadurch viele Soldaten am Ort aufhielten, die - soweit möglich - Ablenkung suchten. Für etwa ein Jahr wohnte im Tegel der Zeit 1919/1920 zudem ein weiterer Kinobesitzer, der in der Schlieperstr. 76 kinematographische Vorstellungen anbot. Es war Paul Handke. 1919 entstand in der Bahnhofstr. 2 (heute Grußdorfstr. 1/2) Tegels zu dieser Zeit größtes und natürlich auch modernstes Kino. Es hatte über 600 Plätze und wurde von dem weiter oben bereits genannten Fritz Joschek betrieben. Der Name Filmpalast Tegel ist sicher auch heute noch vielen einstigen Besuchern und Anwohnern in Erinnerung. Die Abbildung zeigt die Ankündigung des Filmes Das Meer ruft mit dem Schauspieler Heinrich George, der am 25.9.1946 im sowjetischen Speziallager in Sachsenhausen verstarb.
Nicht unerwähnt darf die Kosmos-Filmbühne bleiben. Das Kino befand sich einst in der Hauptstr. 8 (Alt-TegeI 14/16). Es entstand im ehemaligen Tegeler Vereinshaus durch Umbau des Festsaales in einen modernen Kinosaal. Kinobesitzer Julius Huppert und Marie Lichtenstern forderten "ganz Tegel und Umgebung" zur Wahl eines Namens für das neue Lichtspielhaus auf. Das Ergebnis ist bekannt. Rechtzeitig vor Weihnachten, am 23.12.1929, konnten die Umbauarbeiten abgeschlossen und das Kino eingeweiht werden. Die Kosmos-Filmbühne besaß als erstes Berliner Kino eine spezielle Leinwand, die Schall und Licht durchließ. Dem Filmvorführer standen zwei Vorführmaschinen sowie - für den Ton - zwei Grammophonteller zur Verfügung.
Die Grammophonteller hatten etwa den doppelten des sonst üblichen Umfangs. Aufgabe des Filmvorführers war es, beide Geräte peinlich gleichmäßig zu starten, damit Ton und Handlung des Films, etwa die Lippenbewegungen genau stimmten. Durch die spezielle Tonbildwand wirkte die Illusion, die den Schauspieler vor uns sprechend erscheinen lässt, vollkommen, denn die Worte scheinen wirklich seinem Munde zu entquellen. So jedenfalls urteilte damals die Tegel-Hermsdorfer Zeitung in einem Blick hinter die Kulissen des Tegeler Tonfilms. Viel später (1955) gab es am Waidmannsluster Damm (heute wäre dies Bernstorffstr. 13 a) noch das Kino Teli (Tegeler Lichtspiele). Aus den 1950er Jahren ist zudem das Kino Waldkater, Bernauer Str. 139, in Erinnerung.
Damit endet der Versuch eines Rückblicks in die ersten Jahre und Jahrzehnte der Kinematograhie im heutigen Bezirk Reinickendorf. Das Kinos, wie wir längst kurz und knapp sagen, ist damit keineswegs umfassend beschrieben. Weitere, zum Teil sicher auch genauere Daten lassen sich bestimmt noch ermitteln, auf Filmbühnen anderer Ortsteile von Reinickendorf wäre noch einzugehen. Insbesondere die ganz persönlichen Erinnerungen der Kinobesucher würden dem Thema zusätzlich mehr Farbe verleihen.
Gerhard Völzmann Förderkreises für Bildung, Kultur und internationale Beziehungen Reinickendorf e.V.
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