Das Schiff im Tegeler Wappen
Aus der Zeit des Gemeindevorstehers Brunow, 1874-1903, stammt ein Ortssiegel mit der Abbildung eines Segelschiffes mit zusätzlichem Dampfantrieb, Schiffe dieser Art wurden Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelt und stellten eine Übergangsstufe vom Segelschiff zum Dampfschiff dar. Ob Schiffe dieser Größe mit den hohen Masten Berliner Gewässer befuhren, erscheint doch recht zweifelhaft, besonders wenn man dabei an die vielen Brücken über Spree und Havel denkt, die es auch schon vor 200 Jahren gab. Der Ortschronist von Tegel, August Wietholz, schrieb dazu 1922 in seinem Buch: "... Verstehen kann man nur nicht recht, was dieses Wappen über Tegel sagen soll. Jedenfalls steht es mit dem Dorf in sehr loser Beziehung. Für Hamburg würde es besser passen, denn der Anblick des Bildes ohne Umschrift erweckt unwillkürlich den Gedanken an eine Großschifffahrt und an eine Seestadt, die überseeischen Verkehr und Handel treibt und zwar seit Anfang ihres Bestehens. Soll Tegels werktätiges Wesen versinnbildlicht werden, müsste es in seinen Grundzügen auf dem Gebiete der Landwirtschaft geschehen ... "
Was Wietholz offenbar übersehen hat, ist, dass die eher unbedeutende Landwirtschaft in Tegel längst von der eisenverarbeitenden Industrie überholt wurde. Egells´ Eisenhammer und später Borsigs Lokomotivenbau sind das beste Beispiel. Hier zeigt sich Tegels werktätiges Wesen": Ein entsprechendes Symbol in einem Tegel-Wappen würde dem Rechnung tragen. Auch die Brüder Humboldt, als die bedeutendsten Tegeler, wären es wert, mit einem heraldischen Symbol in einem Tegel-Wappen berücksichtigt zu werden. Später diente vermutlich das Brunow-Siegel einem unbekannten Künstler als Vorlage für eine Wappenzeichnung (Abb. 2). Hier hat man auf die Darstellung der Segel verzichtet. Das Segelschiff ist aber noch an der Takelage erkennbar. Die Abb. 3 mit der nach rechts wehenden Rauchfahne soll 1953 entstanden sein. Wie aus Marinekreisen zu erfahren war, ist diese Situation durchaus möglich. Zeitgenössische Abbildungen bestätigen das. Für uns heutige "Landratten" wirkt diese Darstellung jedoch recht unglaubwürdig.
Der Ortsgeschichtliche Arbeitskreis Tegel startete deshalb vor einigen Jahren eine Initiative zur Wappenänderung, die wieder das Brunow-Siegel als richtige Schiffsdarstellung befürwortete (Abb. 4). Ein Verzicht auf die Darstellung der Segel, wie in Abb. 2, würde das Wappen verständlicher erscheinen lassen. Zumal die Segel auf der Abb. 4 eine Bremswirkung ausüben, die seemännisch völlig unrationell wäre. Schon seit Jahren wird versucht, die Wappensymbolik des Tegel-Wappens zu ergründen. So sehen einige darin die Überlegenheit der Maschinenkraft gegenüber der Kraft des Windes. Dies trifft nur für die Abb. 1 und 4 zu. Betrachtet man dagegen heute das Wappen aus heraldischer Sicht, dann sieht man ein Schiff, welches nach rechts in die Vergangenheit fährt. Es setzt damit ein Zeichen, dass die Zeit der Fracht- und Fahrgastschiffe mit Segeln oder der mit Kohle befeuerten Dampfschiffe endgültig vorbei ist.
Der Gemeindevorsteher Brunow konnte diese Deutungsmöglichkeit, wie sie sich hundert Jahre später anbietet, nicht voraussehen. Doch weshalb er gerade diesen Schiffstyp und die nach rechts gerichtete Fahrtrichtung für sein Amtssiegel auswählte, wird ungeklärt bleiben. Wie sagte schon August Wietholz: "... Verstehen kann man nur nicht recht, was dieses Wappen über Tegel sagen soll ..." Die Abb. 5 zeigt, wie ein ortsbezogenes Tegelwappen aussehen könnte. Die gekreuzten Federkiel-Schreibfedern weisen symbolisch auf die Brüder Humboldt hin. Das Wellenband deutet die Ortslage am See an. Die eisenverarbeitende Industrie (Borsig) wird durch das geteilte Zahnrad dargestellt. Die Wappenfarben: Blau = Untergrund, Silber (Weiß) = Schreibfedern und Wellenband, Gold (Gelb) = Zahnrad.
Harry Pohle Mitglied des Förderkreises für Bildung, Kultur und internationale Beziehungen Reinickendorf e.V.
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